Ein Animationsfilm über zwei Schachteln und zwölf Studierende, die fragen, was diese Objekte über Macht, Austausch und das Verhältnis Europas zu Ägypten damals und heute erzählen.
Die Schachtel enthält verkohlte 5000 Jahre alte Traubenkerne aus dem Menes-Grab in Ägypten. Da Trauben und Wein im alten Ägypten ein Luxusgut waren, deutet ihre Präsenz als Grabbeigabe auf den hohen Status der im Menes-Grab bestatteten Person, vermutlich ein Mitglied der Königsfamilie der ersten Dynastie.
Verkohlt sind die Traubenkerne, weil das Grab noch vor 1500 v. Chr. brannte.
Schachtel mit verkohlten Traubenkernen. Aus Nachlass Schöffer von 1988; Provenienz nicht vollständig geklärt. Inhalt: 3000 v. Chr. Behältnis: ca. 1897
Die Schachtel selbst stammt aus dem Jahr 1897. Zu dieser Zeit stand Ägypten unter britischer Kolonialherrschaft. Der französische Leiter der Grabungen am Menes-Grab, Jacques de Morgan, übergab dem deutschen Botaniker Georg Schweinfurth die Kerne, die dieser in einer Schachtel verwahrte und nach Europa brachte.
Ob er diesen und andere archäobotanische Funde für die Wissenschaft „gerettet“ oder Ägypten um sein kulturelles Erbe beraubt hat, ist umstritten.
1988 kam die Schachtel als Nachlass des Ehepaars Schöffer in die Sammlung des Stadtmuseums Berlin. Welche Wege sie im 20. Jahrhundert ging und wie sie in den Besitz der beiden kam, ist unbekannt. Diese Provenienzlücke wirft auch Fragen an das oft bemühte „Bewahrungsversprechen“ der europäischen Museen auf.
In Deutschland sind kernlose Trauben gefragte Konsumgüter, die zu jeder Jahreszeit gekauft werden können. Länder mit günstigen klimatischen Bedingungen wie Ägypten setzen auf diese Exportware als Einnahmequelle und importieren dafür andere Produkte, die bei der Produktion weniger Sonne und mehr Wasser brauchen, wie beispielsweise Weizen.
Mit diesen sogenannten „Cash Crops“ machen sie sich aber auf verschiedener Weise abhängig: von Marktfluktuationen bei Grundnahrungsmitteln, von Chemikalien, die zur Herstellung von kernlosen Trauben notwendig sind, und von umweltschädlichen Transportwegen.
Die Folgen tragen vor allem die Anbauländer:
Monokulturen führen zu Bodenverarmung, Wasserknappheit und Biodiversitätsverlust, während Kleinbäuer:innen unter Druck geraten und traditionelles Wissen verloren geht. So stehen stabile Lieferketten im Globalen Norden sozialen und ökologischen Belastungen im Globalen Süden gegenüber.
Die unscheinbare Plastikschachtel markiert damit das Ende einer langen Kette aus Abhängigkeit und ökologischen Kosten.
In ihren Arbeiten nutzt Julia Emslander die Anthotypie als visualisierende Technik: die Textile aus der Serie „didn’t fall from a tree“ verblassen mit der Zeit und gewinnen in der Betrachter:in-Erfahrung neue Schichten. Dieses Verblassen wird zur Metapher für die flüchtige Präsenz von Erinnerungen, Geschichten und den Zyklen des Lebens wie der Natur.
Zentraler Bezugspunkt ist die französische Botanikerin Jeanne Barret (1740 – 1807), die als erste Frau in der Geschichte die Weltumsegelung vollendete, ein Fakt, der lange der männlichen Wissenschaftsgeschichte überlassen wurde, weil sie sich als Mann verkleiden musste, um an der botanischen Expedition von Louis-Antoine de Bougainville teilzunehmen und zu sammeln.
Auf dieser Reise trugen Barret und der Botaniker Philibert Commerson mehr als 6.000 Pflanzenproben aus Südamerika und dem Südpazifik zusammen. Zwar war sie fachlich gleichwertig und hat den Großteil der Proben gesammelt, doch wurde ihr Beitrag unsichtbar gemacht oder Commerson zugeschrieben. Erst 2012 erhielt sie postum mit der Benennung einer Pflanzenart einen eigenen Namen in der Wissenschaft.
Julia Emslander studierte an der Akademie der Bildenden Künste bei Professor Gregor Hildebrandt und schloss 2022 ihr Studium mit besonderer Auszeichnung ab. Sie lebt und arbeitet in München und Berlin. Als transdisziplinäre Künstlerin arbeitet sie von Malerei über Zeichnung, Performance und Musik. Für Emslander ist Material nicht nur Medium, sondern Denkraum: ein Ort, an dem Erinnerung sichtbar wird, fragmentarisch und fragil, ähnlich wie die Samen und Objekte dieser Ausstellung, die erst bei genauer Betrachtung wieder auftauchen.
Barrets Geschichte ist untrennbar mit den kolonialen Expeditionen des 18. Jahrhunderts verbunden.
Auch wenn sie als Frau in der Wissenschaft marginalisiert wurde, war sie zugleich aktiv an der Aneignung botanischer Ressourcen beteiligt und somit Teil kolonialer Wissensproduktion. Ihre Beiträge erweiterten die europäische Naturkunde – jedoch auf Kosten indigener Wissenssysteme und lokaler Ökologien.
Emslanders Arbeit verweist auf diese doppelte Verstrickung: die Auslöschung weiblicher Wissenschaftsgeschichte einerseits und die Notwendigkeit einer kritischen, dekolonialen Neubetrachtung jener historischen Figuren andererseits.
Ausgangspunkt der Installation ist die trockenste Wüste der Welt in Chile: Atacama. Durch das globale Naturphänomen El Niño, kommt es in unregelmäßigen Abständen zu Niederschlägen, wodurch Vegetation in der Wüste möglich wird.
Die seltene Muschel Spondylus, galt in der indigenen Kosmologie als Speise der Götter und wandert noch immer mit dem warmen Wasser nach Süden und kündigt dort den Beginn fruchtbarer Regenfälle an den Wüstenküsten an.
Der Name El Niño bedeutet „der Junge“ und referiert auf das Christuskind. Es steht in Chile in einem christlich kolonial spanischen Zusammenhang und beschreibt das Naturphänomen, da es um die Weihnachtszeit auftritt.
Die Installation macht die Verbundenheit von Klima, Kolonialismus und Erinnerung erfahrbar und zeigt dadurch die Zusammenführung von Gegensätzen und macht multiple Identität sichtbar.
Im Rahmen der Ausstellung „Kernfragen – Grains of Memory“ erweitert die Arbeit diese Spannungsfelder um die Frage, wie Wissen in Landschaften, Materialien und natürlichen Zyklen gespeichert wird. Damit öffnet sie einen Dialog zu den ausgestellten Sammlungsobjekten und künstlerischen Positionen, die sich ebenfalls mit Bewahrung, Transformationsprozessen und kulturellem Gedächtnis auseinandersetzen.
Carlos Sfeir Vottero wurde in Chile geboren und lebt in Berlin. Er studierte Architektur an der Universidad Católica de Chile und schloss anschließend ein Masterstudium in Contextual Design an der Design Academy Eindhoven ab. Seine Arbeit umfasst Skulptur, Malerei und Installation und basiert auf einer intensiven Auseinandersetzung mit Landschaft, Materialität und Erinnerung.
Drei Performende werden zu Repräsentant:innen von Mais, Kürbis und Bohnen und zeichnen die Geschichten dieser Pflanzensamen nach. Diese bewegen sich zwischen landwirtschaftlichem, indigenem Wissen wie dem Milpa-System und der Genmanipulation durch die CRISPR-Cas9 Methode zur Erzeugung leistungsstarker Pflanzen.
Zum Abschluss der Performance fragen die Samen: Wem gehört das Leben und was geht verloren, wenn Gene bearbeitet werden?
Das Saatgut des Milpa-Systems pflanzt sich in einem politischen Akt selbst an und erkennt, dass es in Abhängigkeit und Verbindung miteinander steht. Demnach existiert kein Gen isoliert. Eine Philosophie des Kollektivismus steht dem des westlichen Individualismus gegenüber.
Die Performance zeigt, in welchen Zusammenhängen Saatgut verwickelt ist und welche politischen Entscheidungen hiermit einhergehen. Hierdurch entsteht eine Perspektive auf Saatgut als Subjekt, die sich nicht im musealen Objektbegriff wiederfindet. Die Arbeit lädt zu einem Wechsel der Perspektive in Museologie und Botanik ein.
Installativ manifestierte sich die Arbeit in einer raumgreifenden Konstellation aus Textil, Skulptur und Video: Ein handgefärbtes Baumwoll-Crêpe mit Stickerei aus roter Wolle war auf einem Mannequin drapiert, dessen Körper aus recycelten Seidenbändern, Baumwolle, Wollfaden und Maisblättern bestand. Ergänzt wurde dies durch ein Video (15 Min.), das zusätzlich auf einen Sockel projiziert wurde. In dessen Oberseite befanden sich ein Loch und Erde, in die die Performenden während der Performance Samen einpflanzten.
Die Installation verband so textile Materialien, bewegtes Bild und lebendige Erde zu einem Ensemble, das die Handlung über den performativen Moment hinaus fortschrieb.
Yupanqui Ramos wurde in Mexiko geboren und lebt in Berlin. Sie ist Künstlerin und Kostümdesignerin und studiert derzeit im Masterstudiengang Raumstrategien an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Ihre Praxis untersucht kritisch koloniale Dynamiken im Umweltkontext sowie die Beziehungen zwischen Kultur, Natur und Technologie.
Paneltalk „Mythos Macht Museum“ mit Bénédicte Savoy und Jeanne-Ange Wagne
Dr. Heba Abd El-Gawad (Horniman Museum and Gardens) und Prof. Dr. Jochem Kahl (Freie Universität Berlin) sprechen über die (ägyptische) Archäologie im 19. Jahrhundert und heute.
Auf diese Fragen versuchte das kuratorische Team Antworten zu finden. Die im Rahmen von einem Open-Call entstandenen künstlerischen Beiträge von Julia Emslander, Yupanqui Ramos und Carlos Sfeir ergänzten die Überlegungen und öffneten gleichsam neue Denkfelder über die komplizierten Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Menschen.
Die Ausstellung „Kernfragen - Grains of Memory“ war im Februar 2026 in der Kiezkapelle in Berlin-Neukölln (30.01-08.02.2026) zu sehen. Die Schachtel mit den verkohlten Traubenkernen wurde als Objekt des Monats im Februar 2026 im Museum Ephraim-Palais (Standort der Stiftung Stadtmuseum Berlin) ausgestellt.
Grains of Memory ist ein Projekt von zwölf Masterstudierenden der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) in Kooperation mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin (SSB).
Die finanzielle und inhaltliche Unterstützung durch die SSB hat das Projekt maßgeblich ermöglicht. Ebenso danken wir der Kiezkapelle und den Prinzessinnengärten für die großzügige Bereitstellung der Räumlichkeiten.
Ein herzlicher Dank gilt allen weiteren beteiligten Personen und Institutionen.
PRAXISPROJEKT
Studierende: Jannis Buddatsch, Shantala Chandel, Maike Frick, Catherine Grabowski, Elisabeth Linde, Yana Miethke, Pia Nitschke, Maria Pavlova, Mariana Reinhardt, Sharleena Rosing, Salome Schröder, Lukas Steinberg
Dozentin: Prof. Dr. Susan Kamel
Lehrbeauftragte: Isabel Alvarez, Thorsten Gabriel, Sabine Haack
AUSSTELLUNG
Konzept - Kuration - Recherchen - Texte - Open Call künstlerische Arbeiten - Animationsfilm - Videoschnitt - Untertitelung - Raumgestaltung - Grafik: Jannis Buddatsch, Shantala Chandel, Maike Frick, Catherine Grabowski, Elisabeth Linde, Yana Miethke, Pia Nitschke, Maria Pavlova, Mariana Reinhardt, Sharleena Rosing, Salome Schröder, Lukas Steinberg
Projektleitung: Dr. Lorraine Bluche (SSB), Prof. Dr. Susan Kamel (HTW)
Kuratorische Beratung: Dr. Lorraine Bluche (SSB), Elina Miagkovaite (SSB), Dr. Frauke Miera (SSB), Prof. Dr. Susan Kamel (HTW)
Wissenschaftliche Beratung: Dr. Susanne Feldmann (Botanisches Museum), Dr. Norbert Kilian (Botanisches Museum), Dr. Robert Kuhn (Ägyptisches Museum)
Künstler:innen: Julia Emslander, Leila Marie Patzies, Yupanqui Ramos, Carlos Sfeir Vottero
Interviewpartner:innen: Dr. Heba Abd el Gawad, Prof. Dr. Jochem Kahl
Übersetzung: Dr. Brian Currid, Wilhelm von Werthen (Zweisprachkunst)
Druck: vierC, werbungtotal
Technik - Transport - Aufbau: ASta HTW Berlin, Sven Dierks (SSB), Thomas Kämpfe (HTW), Yvo Meinke (SSB), Evgeny Sementkovsky (SSB), Jonas Togler (HTW)
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Marco Barsda (SSB), Maike Frick (HTW)
WEBSITE PRÄSENTATION
Inhaltliches Konzept: Lorraine Bluche (SSB), Maike Frick (HTW), Catherine Grabowski (HTW), Pia Nitschke (HTW), Lukas Steinberg (HTW)
Website-Redaktion & Umsetzung: Alexander Timm (SSB), Melanie Huber (SSB)